Fauna (Tiere) Franz-Josef-Land

Das Leben in arktischen Meeren ist vielfältiger als an Land: mehrere Buckelwale südlich von Franz-Josef-Land. Solch große Meerestiere benötigen enorme Nahrungsmengen - ihre Anwesenheit ist ein Indikator für die Produktivität arktischer Meere.

 

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Tierwelt allgemein

Mit dem Eisfuchs als einzigem echtem Landsäugetier und nur 14 regelmäßig hier brütenden Vogelarten sind die Wirbeltiere an Land in Franz-Joseph-Land mit nur sehr wenigen Arten vertreten, was typisch für hocharktische Regionen ist. Darüber hinaus sind die meisten Vogelarten Seevögel, die praktisch nur zur Brut an Land kommen. Fast alle dieser Arten sind nur im Sommer in der Inselgruppe vertreten. Die geringe Artenzahl wird teilweise durch beachtliche Individuenzahlen ausgeglichen - von Dreizehenmöwen, Dickschnabellummen und Krabbentauchern sowie auch Eissturmvögeln brüten große Menge auf den Inseln. Neben den wenigen typischen Brutvogelarten gibt es eine längere Liste seltener hier auftauchender Vogelarten - sei es als gelegentliche Brüter, oder ohne hier zu brüten, oder als Irrgäste.

Im Meer ist das Leben, ebenfalls typisch für die Arktis, weitaus vielfältiger: über 30 Fischarten, mindestens 6 auch in die Sunde vordringende Walarten (weitere Walarten im offeneren Meer um die Inseln), 3 Robbenarten, Walross und Eisbär sind die stark ans Meer gebundenen Wirbeltierarten im Bereich von Franz-Josef-Land. Hinzu kommen die zahlreichen Vertreter der übrigen Stämme des Tierreiches im Meer - sei es auf dem Meeresboden (vor allem ab ein paar Metern Tiefe, wo Lebewesen nicht mehr regelmäßig von Treibeis weggeschabt werden) oder frei treibend als Plankton mit zahllosen Amphipoden und anderen, die wiederum größeren Tieren als Futter dienen. Das Treibeis selbst ist ebenfalls ein wichtiges Biotop, an dessen Unterseite Algen zu wachsen beginnen, sobald das Licht im Frühjahr zurückkehrt, die wiederum von kleinen Tieren abgegrast werden, die ihrerseits verschiedenen Fischen (vor allem Polardorsch) und einigen Vögeln als Nahrung dienen. Die vom Meer lebenden Vögel bringen in Form ihrer Kleckse beim Flug zu ihren Brutplätzen wichtige Nährstoffe aus dem Wasser ans Land, ohne die es um die spärliche Vegetation an Land noch schlechter bestellt wäre: deshalb findet sich der üppigste arktische Pflanzenwuchs im Bereich von Vogelfelsen. Selbst die wenigen Füchse sind stark vom Meer abhängig: im Sommer leben sie vor allem von Seevögeln und deren Eiern, während sie im Winter draußen auf dem küstennahen Eis von Robbenresten profitieren, die der Eisbär dort zurückläßt. Dieser lebt fast ausschließlich von Robben und weitgehend draußen im Bereich des Meereises, weshalb er für die Biologen als Meerestier gilt. In der Arktis ist das Leben stark ans Meer gebunden - und ohne die Unterstützung des Meeres sähe es mit dem wenigen Leben an Land noch bescheidener aus.

Allen Tierarten gemeinsam ist, daß sie Überlebensstrategien für die im Jahreslauf extrem unterschiedlichen Lebensbedingungen entwickelt haben müssen: in der hellen Zeit ist reichlich Nahrung vorhanden, dafür bricht in der vielmonatigen dunklen Zeit die Produktion der Pflanzen mangels Licht als Nahrungsgrundlage tierischen Lebens zusammen, mit entsprechend schwierigen Überlebensbedingungen für die Tierwelt als Folge. Typische Strategien sind Überwinterung als praktisch inaktive Dauerformen (Eier, etc.) für einen großen Teil der wirbellosen Kleintiere oder Wanderungen über lange Strecken in günstigere Winterstandorte (fast alle Vögel, die meisten Walarten), um dann zur Vermehrung in der nachfolgenden hellen Jahreszeit wieder das dann reichliche Nahrungsangebot der Arktis zu nutzen. Die vor Ort über den Winter bleibenden Arten leben teils von im Sommer angelegten Reserven, teils von Aas, oder auch vom geringen verbleibenden sonstigen Nahrungsangebot.

Im Atlantikum nach der letzten großen Eiszeit war das Klima in Franz-Joseph-Land über mehrere Jahrtausende wärmer als heute. In dieser Zeit gab es dort einen Rentierbestand, an den heute wegen der nachfolgenden Abkühlung nur noch Geweihreste erinnern.

Neben der offensichtlich erfolgreichen Anpassung an die extremen jährlichen Schwankungen sind die noch existierenden arktischen Tierarten bisher offensichtlich jedoch auch in der Lage gewesen, mit längerfristigen klimatischen Schwankungen zurecht zu kommen, die sich in der Arktis fast immer extremer auswirken, als in gemäßigten Breiten - vor allem, weil jede Temperaturschwankung in der Arktis enorme Veränderungen der Eisbedeckung zur Folge hat. 
Als grobe Orientierung läßt sich für die letzten 3 Millionen von Jahren sagen, daß sich kalte Eiszeiten (Dauer der letzten Eiszeit: über 100.000 Jahre) und warme Zwischeneiszeiten (Dauer der Eem-Warmzeit vor der letzten großen Eiszeit ca. 11.000 Jahre) abwechseln, wobei die Eiszeiten folglich der Normalzustand sind, Zwischeneiszeiten eher die Ausnahme. Während der großen Eiszeiten - zuletzt also bis vor ca. 12000 Jahren - dürfte es in dieser Region und auch auf den meisten anderen polaren Inselgruppen kaum Wirbeltiere gegeben haben, da sie für rund 100.000 Jahre weitestgehend unter einem durchgehenden dicken Eispanzer lagen und der verbleibende Arktische Ozean über große Teile dieser langen Zeit ganzjährig dick zugefroren gewesen sein dürfte, womit Walen, Robben, Walrossen und Eisbären in den heutigen Arktisregionen weitgehend die Lebensgrundlage entzogen war. Insofern ist die heutige Tier- und Pflanzenwelt in Franz-Josef-Land (wie auch auf den meisten anderen hocharktischen Inseln) erst nach der letzten großen Eiszeit dort eingewandert. Ähnliche Einwanderungen und Verschwinden hat es vermutlich auch schon in früheren Zwischeneiszeiten gegeben, deren Spuren durch die zerstörerische Kraft des Eises in Franz-Josef-Land jedoch weitgehend vernichtet wurden. Unser seit 12000 Jahren andauerndes Holozän ist vermutlich eine solche Zwischeneiszeit, der folglich eine neue Eiszeit folgen müßte, in der Franz-Josef-Land und andere Teile der hohen Arktis (aber auch große Gebierte Europas, Asiens, Nord- und Südamerikas) wieder unter Eismassen begraben und die vorgelagerten eisfeien Zonen zu arktischen Tundren werden, wodurch im größeren Teil Europas, Asiens und Nordamerikas etwa Ackerbau weitgehend unmöglich würde. In einigen der kurzen Zwischeneiszeiten wurde es hingegen - auch ohne menschlichen Einfluß - überraschend warm (in Einzelfällen mit Durchschnittstemperaturen bis 5° über den heutigen Werten), wie unter anderem Bohrkerne aus Sibirien und Antarktis belegen.
 Im sogenannten Atlantikum nach der letzten Eiszeit dürfte es wegen wärmeren Bedingungen für mehrere tausend Jahre kaum sommerliches Eis in der europäischen Arktis gegeben haben, in geringerem Maße vermutlich auch zur Zeit der Römer oder während des mittelalterlichen Klimamaximums, während die Eisbedeckung des Meeres und die Vergletscherung an Land danach während der Kleinen Eiszeit (ca. 1400-1850) massiv zunahm. Mit der neuerlichen Erwärmung seit ca. 1850, an der sicherlich menschliche Ursachen maßgeblich mitbeteiligt sind, ist insbesondere das Meereis wieder im Rückzug, während die Gletscher teils schrumpfen, teils aber auch noch wachsen und insgesamt noch deutlich ausgedehnter sein dürften, als vor 600 Jahren.
Auch die nacheiszeitlichen deutlichen Klimaschwankungen wirkten sich auf die Fauna von Franz-Josef-Land aus: während des Atlantikums waren die Inseln deutlich weniger vereist und die Sommer milder als heute, sodaß die Tundravegetation ausgedehnter war und bessere Wachstumsbedingungen hatte, was für mehrere Jahrtausende eine wohl über das winterliche Eis eingewanderte örtliche Rentierpopulation ermöglichte, die mit der fortschreitenden Abkühlung dann vor ca. 4000 Jahren wieder ausstarb.
Die heute in Franz-Josef-Land vorhandenen Arten haben offensichtlich die arktistypisch enormen Klimaschwankungen der vergangenen Jahrtausende durch unterschiedliche Anpassungen überlebt, einschließlich sicherlich deutlicher Bestandsschwankungen oder Verlagerung ihrer Lebensräume. Zu einem gewissen Grad sind die Arten daher in der Lage, die aktuelle Erwärmung zu überstehen (einschließlich erneut Veränderungen der Bestandsgrößen und Verbreitungsgebiete), wobei als zusätzliche Unsicherheitsfaktoren allerdings nichtklimatische menschliche Eingriffe (etwa Umweltverschmutzung) oder die Beschleunigung und Verstärkung des auch natürlichen Klimawandels eventuell über das auch in der Natur vorkommende Maß hinaus hinzukommen. Einige arktische Arten profitieren von den aktuellen Veränderungen (Gänse, Rentier), andere dürften in ihren Zahlen zurückgehen oder/und sich in Restverbreitungsgebiete zurückziehen.

2011 wurde auf einer Touristikfahrt der NATIONAL GEOGRAPHIC EXPLORER auf der Ostseite von Alexandra Land diese große, vorher unbekannte Brutkolonie von Elfenbeinmöwen entdeckt - bisher weltweit vermutlich die einzige entdeckte größere Elfenbeinmöwenkolonie in einer direkt ins Meer abfallenden Felswand.
Walrosse aus nächster Nähe: im Wasser sind diese Tiere sehr beweglich und eventuell auch zu neugierig: die Luftkammern eines Zodiacs halten einem testweisen Walrosszahnhieb nicht statt. Gefährlich ist das Verhalten der begeisterten stehenden Fotografen: sollte eines der Walrosse dem Boot unbemerkt herantauchend einen Stoß geben, werden sie ihr Gleichgewicht kaum halten können und im eisigen Wasser zwischen den riesigen Tieren landen.
Junge Eisbärin an Land, auf dem eisfreien Wasser können sich die Zodiacs notfalls sofort zurückziehen.
Eisbärenmutter mit Jungen im Treibeis auf fast 83 Grad Nord nördlich von Franz-Josef-Land - die Perspektive von schräg oben verrät: Standort des Fotografen an Bord eines Schiffs.
Gryllteisten im Jugend-Federkleid neben treibendem Gletschereisbrocken

Tierbeobachtung in Franz-Josef-Land

Franz-Josef-Land ist für wissenschaftliche und touristische Tierbeobachter ein spannendes Reiseziel:

  • Gute Chancen auf Sichtung der sehr seltenen Grönlandwale (sowohl in der Barentssee knapp südlich der Inselgruppe, als auch in den Sunden - allerdings keine Garantie auf jeder Fahrt), sowie gute Chancen für Buckelwal, Weißwal (Beluga), und andere.
  • Sehr gute Chancen auf Beobachtung von Eisbären, sowohl auf Eis (soweit zum Reisezeitpunkt vorhanden - in extremen Sommern wie 2012 kann die Eisgrenze genau wie in Spitzbergen weit nördlich der Inseln liegen, ihr Erreichen ginge dann wegen des Zeitbedarfs sehr zu Lasten anderer Interessen innerhalb der Inselgruppe), als auch an Land (gerade auch in Sommern mit wenig Eis)
  • Sehr gute Chancen auf Beobachtung von Walrossen - auf Eis, ruhend an Land, im Wasser - und hier im Gegensatz zu Spitzbergen mit zahlreichen Weibchen und Jungtieren. Wegen der Jungtiere allerdings auch viel empfindlicher gegen Störungen (panische Flucht ins Wasser mit eventuellem Erdrücken von Jungtieren), sodaß hier extreme Vorsicht und Geduld sowie passende Strategie bei der Annäherung erforderlich sind.
  • Relativ große Zahl an Elfenbeinmöwen (pagophila eburnea), einschließlich interessanter Brutkolonien von Elfenbeinmöwen
  • Rubini Rock (Opens internal link in current windowHooker Insel) ist einer der spektakulärsten Brutfelsen der ganzen Arktis - auch durch seine Formen und Farben.
  • Eventuelle Sichtung von Narwalen (selten)
  • Eventuelle Sichtung extrem seltener Arten wie Rosenmöwe (Rhodostethia rosea) oder Schwalbenmöwe (Xema sabini) - am ehesten nach Ende der Aufzuchtzeit (brüten in Nordsibirien) in der späten Saison.

Beitragsmöglichkeiten zur Forschung: Franz-Joseph-Land ist bisher nur sehr oberflächlich erforscht und nur sehr wenige Menschen sind hier unterwegs, um Beobachtungen zu machen - teilweise werden daher sogar noch Einzelbeobachtungen von Nansen und anderen Pionieren zitiert, weil es danach kaum weitere registrierte Beobachtungen einiger Arten gab. Deshalb sind hier selbst auf Expeditionskreuzfahrten noch immer echte Entdeckungen möglich und die auf solchen touristischen Fahrten gesammelten Tierbeobachtungen tragen zur Erforschung der Tierwelt der Inseln bei - sowohl die zahlreichen Einzelbeobachtungen, als auch größere Entdeckungen, wie etwa 2011 die vorher unbekannte, beachtliche Elfenbeinmöwenkolonie an der Ostseite von Alexandra Land.

 

Reisezeit für Tierbeobachtung

Die Brutzeit der Vögel ist Juni bis fast Mitte August (Dreizehenmöwen etwas länger) - in dieser Zeit sind die Brutkolonien besetzt. Anschließend halten sich die Vögel aber noch den größten Teil des Augusts, teils auch in den September, im Bereich der Inselgruppe auf. Für eine Annäherung per Schiff oder Zodiac an Brutfelsen ist die Befahrbarkeit des Wassers davor Voraussetzung - Treibeis kann Zodiacfahrten verhindern, dickeres Eis auch die Annäherung per Schiff. Ein oft guter Kompromisstermin ist hier der späte Juli oder frühe August, von Jahr zu Jahr aber starke Unterschiede.
Eisbären und Walrosse werden normalerweise auf allen mehrtägigen Aufenthalten in der Inselgruppe gesehen. In der frühen Saison sind die Chancen größer, diese Tiere hier auch noch auf Meereis zu sehen, das dann zwischen den Inseln meist noch umfangreicher vorhanden ist - bei wenig Eis innerhalb der Inselgruppe insbesondere in der späteren Saison halten sich dafür mehr dieser Tiere an Land, primär nahe den Ufern, auf. Ob bei späten Terminen zur dann eventuell deutlich nördlicher liegenden Eisgrenze gefahren wird, hängt vom dafür erforderlichen Zeitaufwand ab, der dann für andere Dinge fehlt. Umgekehrt bedeutet in der frühen Saison die bessere Chance, die Tiere auch auf Eis zu sehen, eventuelle Einschränkungen für Landungen oder beim Vordringen zu nördlicheren und östlicheren Teilen der Inselgruppe aufgrund von Behinderungen durch Eis für den Schlauchbooteinsatz oder gar das Schiff selbst. 

Frühe Termine eignen sich daher am ehesten für Reisende, denen es ganz primär um die Tierwelt geht und die dafür eventuelle Einschränkungen hinsichtlich des Erreichens bestimmter Teile der Inselgruppe oder von Landungen aufgrund von evtl. noch mehr Eis in Kauf nehmen.
Späte Saison: Die Brut der Vögel endet zwar bis ca. Mitte August (Dreizehenmöwen etwas länger). Doch bis weit in den späten August sind sämtliche Arten noch innerhalb der Inselgruppe anwesend, viele auch noch im September. Bei einzelnen sehr seltenen Arten, etwa der Rosenmöwe, steigt die Chance von Sichtungen ab ca. Mitte August, da diese Vögel erst nach ihrer Brutzeit in Nordsibirien in den hohen Norden ziehen. Durch dann in der Regel weniger Eis lassen sich in der Regel auch abgelegenere Inseln im Norden erreichen und Landungen werden seltener durch Eis behindert. Mit während des Sommers schwindendem Eis trifft man in der späten Saison Eisbären und Walrosse eher an Land im Uferbereich an. Die späte Saison ist unter anderem für Reisende mit breitem Interessenspektrum (auch über die Tierwelt hinaus) interessant, da es dann leichter ist, weiter in der Inselgruppe herumzukommen und seltener Eis Landungen behindert, sowie an Land der Altschnee weitgehend weggetaut ist.

Insgesamt ist die Wahl des Reisezeitpunktes also eine Abwägung der persönlichen Interessen - wobei die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort zwar tendenziell den obigen Aussagen entsprechen, aber mit von Jahr zu Jahr starken Unterschieden.


Letzte Änderung: 23.12.2012