Exkurse: Entdecker, Klimaeinfluß, Namensverwirrungen


Themen auf dieser Unterseite:

  • Offizielle Entdecker
  • Ihre möglichen Vorgänger und Klimaeinflüsse
  • Topografische Namensverwirrungen

Anerkannte Entdecker

Es kann sich lohnen, den oft unüberlegten Begriff "Entdecker" zu hinterfragen: Amerikas dauerhafte Besiedlung beispielsweise begann den archäologischen Funden zufolge wohl schon vor 20.000 Jahren und Wikinger wie Portugiesen trafen dort auf Menschen - aber als Entdecker werden weiterhin gern wahlweise Kolumbus (1492) oder Bjarni Herjúlfsson bzw. Leif Erikson (um 1000) gefeiert. Ähnlich Paradoxes gilt für die meisten Teile der Erde: "Entdecker" ist im unreflektierten Sprachgebrauch derjenige, dessen Name als erster mit noch heute nachprüfbaren Informationen über ein Gebiet (Karten, Beschreibungen) verbunden ist, wobei selbst Letzteres oft nur aus europäischer Sicht korrekt ist: in China, Indien oder Arabien gibt es für viele Teile der Welt ältere schriftliche Berichte und Karten. Selbst die bekannten europäischen "Entdecker" verfügten vermutlich oft bereits über Informationen über das fragliche Gebiet von heute unbekannten europäischen Vorgängern, die oft kein Interesse an Aufmerksamkeit hatten, etwa um Konkurrenz fernzuhalten (Piraten, Jäger). Dies gilt vielfach auch in der Arktis.


Nachprüfbare Entdecker von Franz-Joseph-Land:

Entdecker im Sinne von Erster, der nachprüfbare Informationen über die Inselgruppe in Form von Karten und Berichten lieferte, ist nach heutigem Kenntnisstand für Franz-Joseph-Land eindeutig die österreichisch-ungarische TEGETTHOFF Expedition von 1872-74 unter Leitung von Carl Weyprecht, deren Forschungsfahrten an Land von Julius Payer geleitet wurden. Eigentliches Ziel war die Erkundung einer Nordostpassage, doch dann wurde das Expeditionsschiff bereits 1872 vor Nowaja Semlja im Eis gefangen und nie mehr von diesem losgelassen. Im Eisfeld treibend, sichtete die Besatzung am 30. August 1873 durch aufreißenden Nebel in einiger Entfernung erstmals unbekanntes Land (das heutige Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterKap Tegetthoff), im Winter 1873/74 fror das Eisfeld schließlich südlich der Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterWilczek Insel zu einer bis ans Land reichenden Eisdecke zusammen, über die dann unter Leitung Payers auf Schlittenreisen ein Teil der Inselgruppe im Frühjahr 1874 zu Fuß, sich über die weitgehend zugefrorenen Sunde bewegend, erkundet und kartiert wurde. Ohne es zu ahnen, erreichte die längste Schlittentour dabei auch die Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterRudolf Insel als nördlichsten Punkt Eurasiens. Denn Payer meinte, von dort aus sich noch weit nach Norden erstreckende Landmassen zu sichten, das sogenannte Petermann Land, das näher zu erforschen er jedoch keine Möglichkeit auf dieser Tour mehr sah.
Dieses sich spätestens durch die Expeditionen von Nansen und Johansen (1895/96) und der STELLA POLARE von 1899/1900 als Fiktion herausstellende Petermann Land beflügelte in den Folgejahren der Payer-Weyprecht-Fahrt etliche Nordpol-Expeditionen, ihr Glück über diese erhoffte Landbrücke in Richtung Nordpol zu versuchen und sich deshalb Franz-Joseph-Land als Ausgangspunkt zu wählen.
Da das Eis um die TEGETTHOFF sich auch im Frühjahr 1874 nicht öffnen wollte, beschloß Weyprecht, das Schiff aufzugeben. In mühseliger, wochenlanger Zieharbeit über bald in Schollen zerbrochenes Eis und gegen die Strömung erreichte die Mannschaft mit den Beibooten schließlich offenes Wasser und wurde von einem russischen Schiff gerettet. Dank hervorragender Vorbereitung, Ausrüstung und Leitung hatte die unfreiwillig lange Expedition nur einen Todesfall zu beklagen - und diesen aufgrund einer Erkrankung.
Die Payer-Weyprecht Expedition hatte nach heutigem Kenntnisstand keinerlei konkrete vorherige Hinweise auf die entdeckte Inselgruppe, die sie zu Ehren des damaligen österreichisch-ungarischen Monarchen "Kaiser-Franz-Joseph-Land" tauften. Dennoch sind vorherige menschliche Sichtungen oder gar Besuche gut möglich - siehe weiter unten.

Angestachelt auch durch die Hoffnung auf einen Zugang von hier aus zum Nordpol, zog Franz-Joseph-Land in der Folge eine Reihe von Expeditionen an, die mit Ausnahme von Leigh Smith und Jackson-Harmsworth eigentlich ganz primär den Nordpol zum Ziel hatten.
Die Kartierung der Inselgruppe - zumindest der Küstenlinien, nur teilweise auch des vergletscherten Inlandes - geschah vor allem durch folgende sieben Expeditionen:

  • Payer-Weyprecht/TEGETTHOFF Expedition 1873/74: ein Band in Süd-Nord-Richtung von der Wilczek-Insel über den ganzen Austria Kanal und dessen angrenzende Inselküsten bis zur Rudolf-Insel, sowie ein Teil des Südens von McClintock bis Wilczek Land.
  • Benjamin Leigh Smith (1880 und 1881/82): die südlichen Küsten von Prince George Insel bis Wilczek Insel.
  • Jackson-Harmsworth Expedition (1894-97, die erste systematisch geplante mehrjährige Überwinterungsexpedition): fast gesamte Westhälfte des Archipels.
  • Nansen-Johansen (1895/96, Rückmarsch vom gescheiterten Nordpolversuch: Teile des Nordostens von Eva-Liv bis Jackson Insel.
  • Wellman Expedition (1898/99): Teile des Südostens um Wilczek Land bis zu Teilen von Graham Bell.
  • Herzog der Abruzzen - STELLA POLARE (1899/1900): Kleinere Bereiche im Norden.
  • Ziegler Expeditionen (1901/02 und 1903-05): die restlichen großen Teile des nördlichen Zentrums nördlich des Markham Sundes.

Bei einigen abgelegeneren Inseln dauerte es bis in die Sowjetzeit, bis diese nach der Annektion des Archipels durch die UdSSR ab 1929 näher kartiert wurden (Arthur Insel, Graham Bell). Die Sowjetunion verfügte hierzu aufgrund ihrer zahlreichen zumindest im Winter vereisten Gewässer als erstes Land schon früh über eine Flotte von Eisbrechern (KRASSIN, SEDOV, MALIGYN u.a.), die wesentlich systematischere Arbeit erlaubte, als die westlichen Expeditionsschiffe, die zwar teilweise konstruktiv gegen Eisdruck verstärkt waren, aber nicht dickeres Eis gezielt mit eigener Kraft durchbrechen konnten.

 

Mögliche frühere Sichtungen und Entdeckungen

Wie oben erwähnt, gibt es von vor 1873 keine eindeutigen Beschreibungen oder Karten oder örtliche Funde, die eine früheres Sichten oder gar Betreten von Franz-Joseph-Land beweisen können, wohl aber Anhaltspunkte und Theorien, daß die Inseln schon früher entdeckt wurden - ihre Entdecker aber entweder darüber schwiegen, oder zu ungenaue Beschreibungen hinterließen, oder schlicht wieder in Vergessenheit gerieten.

Entdeckungen und Klimawandel in der Arktis:
Angesichts der im späten 19. Jahrhundert sich rasch weiterentwickelnden Schiffsbaukunst und stärkeren Antriebstechnik (Dampfmaschine statt Segeln), die trotzdem in diesen eisigen Gewässern häufig in ihre Grenzen gewiesen wurde, erscheint es zunächst verwunderlich, wie frühere Entdeckungen in hocharktischen Regionen mit deutlich schwächeren Schiffen überhaupt technisch möglich gewesen sein sollen.
Neben "Glückstreffern" (besonders günstige Bedingungen in einzelnen Jahren) liegt eine Möglichkeit im heute so aktuellen Klimawandel, der sich in der Arktis besonders deutlich zeigt, da die dortigen Temperaturen genau um den Gefrierpunkt schwanken und folglich kleine Änderungen bedeutende Auswirkungen auf Ab- oder Zunahme des Land- und Meereises haben.
Aktuell weicht das Eis in der Arktis stark zurück - beginnend vor ca. 150 Jahren, und mit in den letzten Jahrzehnten steigender Rate. Es ist jedoch ein Irrtum, den Zustand vor 150 Jahren als eine Art Normalzustand anzusehen, auch wenn in den Medien dieser Eindruck oft vermittelt wird, denn systematische schriftliche Klimaaufzeichnungen reichen zufälligerweise ebenfalls selten weiter als ca. 150 Jahre zurück - daher taucht dieser Zeitraum in Standardmeldungen ("Wärmster ... seit 150 Jahren") oft aus lediglich solch technischen Gründen auf, ohne daß die Wahl dieses Bezugszeitraumes weiter hinterfragt wird.
Klimageschichtlich endete vor ca. 150 Jahren die sogenannte "Kleine Eiszeit" - die vermutlich kälteste Periode der letzten 10.000 Jahre, die ca. um 1400 mit einer deutlichen Abkühlung einsetzte - und in der Arktis einen massiven Zuwachs an Meer- und Landeis auslöste, denn auch bei Abkühlung reagieren die arktischen Systeme besonders schnell und deutlich. Vor der Kleinen Eiszeit waren daher mit ziemlicher Sicherheit weite Landbereiche, die heute durch den Eiszuwachs der Kleinen Eiszeit noch vergletschert sind, eisfrei, und ähnliches läßt sich auch für Teile der polaren Meere vermuten. Seefahrer des Mittelalters hatten folglich im hohen Norden vermutlich deutlich weniger Eisprobleme und kamen daher auch mit wesentlich zerbrechlicheren Schiffen zurecht (außerdem wurden Verluste damals eher als unvermeidlich hingenommen), wodurch etwa auch die Wikingerbesiedlung Grönlands leichter verständlich wird. Noch weniger vereist als im Mittelalter dürfte die Arktis im sogenannten Atlantikum gewesen sein, einer mehrtausendjährigen Warmperiode nach der letzten Eiszeit, in der die Nordmeerküsten Europas und Asiens bereits von Steinzeitvölkern besiedelt waren, die teilweise schon über einfache Boote verfügten. Während dieser Warmzeit dürften weite Teile der heutigen arktischen Landflächen Eurasiens noch nicht einmal arktisch gewesen sein, sondern statt Tundra zumindest über Buschwald verfügt haben - mit entsprechend vielfältigeren Lebensformen und besseren Lebensbedingungen für Jäger auch an Land.
Untersuchungen haben ergeben, daß selbst niedrig gelegene Tundrabereiche im Norden von Franz-Joseph-Land seit mindestens 8500 Jahren durchgehend eisfrei sind - falls dort jemals Steinzeitjäger aufgetaucht sein sollten, hätten sie zumindest Bereiche mit eisfreiem Land vorgefunden, eventuell sogar mit mehr Leben und damit Beute, als heute. Die auf Franz-Joseph-Land offenbar nach der letzten Eiszeit wiederholt eingewanderten und wieder ausgestorbenen Rentiere sind ein weiteres Indiz für sich ändernde natürliche Bedingungen: dort an verschiedenen Orten aufgefundene Rentiergeweihe wurden als 6400-1300 Jahre alt datiert.

Ein anderer Aspekt sind starke Verschiebungen der Küstenlinien durch Veränderungen des Meeresspiegels einerseits und von wechselnder Eislast ausgelösten Hebungen und Senkungen des Landes andererseits. Angesichts der oft geringen Wassertiefen in den nördlichen Schelfmeeren dürften diese Bewegungen in ihrer Kombination innerhalb weniger Jahrtausende deutliche Veränderungen im Abstand zwischen den hocharktischen Inseln im Norden und den über Wasser liegenden Festlandbereichen, sowie eventuell auch das Auf- und Abtauchen heute unter Wasser liegender Bereiche dazwischen in den Spätphasen der letzten Eiszeit und danach bewirkt haben. Vielleicht waren die trennenden Wasserflächen zwischen Franz-Joseph-Land und Festland daher in bestimmten Steinzeitperioden gar nicht so breit oder/und durchgehend, wie heute: Von Graham Bell zur heute kleinen Uschakow Insel im Osten sind es heute ca. 250 km - läge der Wasserspiegel um 50 m tiefer, wie dies bis vor ca. 10.000 Jahren der Fall war, würde jedoch aus Uschakow eine ca. 4000 km² große hügelige Tundrainsel, die bis auf nur noch ca. 150 km an Graham Bell heran reichte. Bei gutem Wetter ist das fast Sichtweite, zumindest Wolkenbildungen und Vögel wären für Naturkundige ein Indiz und bei winterlicher geschlossener Eisdecke eine Einladung für eine Erkundung sogar zu Fuß, auf der Suche nach neuen Jagdgründen. Von Sewernaja Semlja (das bei 50 m niedrigerem Meeresspiegel zum Festland gehören und sich auch weiter in Richtung Uschakow erstrecken würde) über ein Groß-Uschakow nach Franz-Joseph-Land wäre zu Fuß über das Eis durchaus vorstellbar. Rentierherden haben diese Wege offenbar sogar bei ähnlich hohem Meeresspiegel wie heute genommen und wiederholt Franz-Joseph-Land nacheiszeitlich besiedelt. Gerade in der Karasee weisen die geringen Wassertiefen vielerorts darauf hin, daß sich hier am Ende der Eiszeit zeitweise eine Vielzahl heute untergegangener Inseln befunden haben dürfte, wobei näher geklärt werden müßte, wann diese angesichts der gegenläufigen Trends - ansteigende Meeresspiegel durch Eisschmelze und langsamere Landhebung durch Wegfall der Eislast - über Wasser gelegen haben könnten. Die Gebiete im Osten von Franz-Joseph-Land waren selbst während der Eiszeitmaxima von deutlich weniger dickem Eis bedeckt, als in der westlicheren Barentssee - entsprechend haben hier Landsenkung und -hebung durch sich ändernde Eislast geringeren Umfang gehabt. Verglichen mit der heute diskutierten eventuellen Einwanderung von steinzeitlichen Früheuropäern während der letzten Eiszeit über den Nordatlantik irgendwann vor 20.000-15.000 Jahren sogar auch nach Amerika wäre ein Inselhüpfen von Osten her nach Franz-Joseph-Land jedenfalls geradezu ein Katzensprung gewesen.
Insofern sind eventuelle Entdeckungen von Franz-Joseph-Land und Spitzbergen während der Steinzeit weniger unmöglich, als dies angesichts der heutigen natürlichen Bedingungen erscheinen mag - eindeutige archäologische Beweise fehlen jedoch, zumal Steigen des Meeresspiegels und das Überrollen durch die Gletschervorstöße der Kleinen Eiszeit etliche potentielle Funde vernichtet haben dürften. Ich will mich hier nicht als an eine steinzeitliche Frühbesiedlung der hocharktischen europäischen Inselgruppen Glaubender offenbaren, aber die Möglichkeit ist zumindest denkbar.

Während des Spätmittelalters und der beginnenden Neuzeit war es zwar etwas kälter als im Atlantikum, und folglich war auch das arktische Eis an Land und auf dem Meer ausgedehnter, als in den wärmsten nacheiszeitlichen Teilen der Steinzeit. Aber es ist gut möglich, daß die Eisbedeckung in der einsetzenden Kleinen Eiszeit zur Zeit der neuzeitlichen Entdecker des frühen 17. Jahrhunderts noch immer deutlich geringer war, als in deren Spätphase im 19. Jahrhundert. Berichte der Pioniere vor 400 Jahren, die von Landsichtungen östlich Spitzbergens erzählen, dann aber wieder in Vergessenheit gerieten, könnten sich daher durchaus auch auf Franz-Joseph-Land beziehen, das damals eventuell bereits gesichtet wurde - doch dann verhinderte das zunehmende Meereis in der fortschreitenden Kleinen Eiszeit derartige Fahrten für mehrere hundert Jahre. Der bedeutende deutsche Geograph August Petermann vermutete schon im späten 19. Jahrhundert, daß ein Bericht Baffins von im Osten Spitzbergens 1614 gesichtetem Land sich auf Franz-Joseph-Land beziehen könnte. Ähnliches gilt für Mitteilungen des Niederländers Cornelis Roule über dessen Sichtung von 1675 die allerdings angesichts der angegebenen Position bei 85°N genauso gut ins Reich der Phantasie gehören kann. In diesen Fällen sind die Informationen hinsichtlich der geographischen Positionen zu vage bzw. zu unzutreffend, um festzustellen, ob damit tatsächlich das heutige Franz-Joseph-Land gemeint gewesen war.
Bis zur Mitte des 19. Jahrhundert galten die Gewässer östlich Spitzbergens wegen ihrer Eismassen trotz der legendenhaften alten Berichte über Landsichtungen als praktisch unbefahrbar. Passend zum Ende der Kleinen Eiszeit um 1850 mit anschließender beginnender Klimaerwärmung und langsam einsetzendem Rückzug des Eises finden sich dann ab ca. 1865 überraschte Berichte norwegischer Eismeerjäger, die plötzlich feststellen, daß - natürlich mit jährlichen Schwankungen - diese Gewässer doch (wieder) zugänglich sind. Der norwegische Eismeerschiffer Rønnbeck aus Hammerfest und sein samischer Harpunier Aidijärvi berichteten 1865 von einer Landsichtung in weiter Ferne östlich von Spitzbergen, die gut das heutige Victoria oder die Prince-George-Insel oder Alexandra Land gewesen sein könnten, erneut jedoch ohne genauere Beschreibung oder Positionsangaben. Gut möglich, daß es weitere Sichtungen gab, doch diese Eismeerschiffer waren oft nicht am Verbreiten ihrer Kenntnisse interessiert, um nicht unnötig Konkurrenz in mögliche neue Jagdgebiete zu locken.
Immerhin war die südlichere Barentssee bis hin zur Ostseite von Nowaja Semlja schon seit mindestens dem 16. Jahrhundert russischen, englischen und holländischen Seefahrern vertraut, die hier Robben, Wale, Eisbären und Walrosse jagten und Handel trieben und dabei auch immer wieder nach Norden bis ins Treibeis vorstießen, ohne daß darüber viel berichtet wurde.
Die norwegischerseits ab dem frühen 19. Jahrhundert intensiver werdende Jagd mit kleinen Schiffen im höchsten Norden ist darüber hinaus aus einem zweiten Grund heute nur schlecht dokumentiert: ein Großteil der gesammelten Schiffslogbücher Nordnorwegens fiel Anfang des 20. Jahrhunderts einem Archivbrand zum Opfer.

Starke Auswirkungen von Klimawandel sind typisch für das Nordpolargebiet - nicht erst heute. Natürliche Klimaschwankungen in der verhältnismäßig kurzen Zeit nach der letzten Eiszeit und selbst seit dem Mittelalter haben hier wiederholt zur dramatischen Änderungen der Verhältnisse geführt, die auch frühere Entdeckungen von Franz-Joseph-Land zumindest als denkbar erscheinen lassen, Beweise durch eindeutige archäologische Funde oder klar geographisch zuordenbare Aufzeichnungen fehlen jedoch. Angesichts der wiederholten starken Schwankungen der natürlichen Bedingungen speziell im hohen Norden ist die möglicherweise enge Verknüpfung zwischen dortigem Klima und menschlicher Geschichte ein spannendes Thema.

 

Namensverwirrungen

Uneinheitliche Namensgebung ist in Franz-Joseph-Land fast schon ein Grundprinzip: selbst im von Julius Payer als einem der Leiter der Entdeckungsexpedition verfaßten dicken Band "Nordpol Expedition" über die TEGETTHOFF Entdeckungsexpedition findet sich der von dieser Expedition vergebene Name der Inselgruppe in 4 verschiedenen Schreibweisen: Franz Joseph Land, Franz Josephs Land, Franz Josef Land und Franz Josefs Land, dazu noch "Kaiser" davor gestellt.
In den ersten 40 Jahren nach der Entdeckung Franz-Joseph-Lands spielte Russland trotz geographischer Nähe bei der Erforschung der Inselgruppe praktisch keine Rolle. Infolgedessen hatten alle größeren Inseln und die wesentlichen Kaps und Berggipfel weitgehend schon meist deutsche, englische, italienische und norwegische Namen, bis Russland kurz vor dem ersten Weltkrieg ebenfalls stärker aktiv wurde.
Schon auf westlichen frühen Karten tauchen die westlichen Namen in unterschiedlicher Schreibweise auf, bedingt durch Ausspracheunterschiede und teils fehlende Umlaute in den verschiedenen Sprachen. Aus Kap Tirol wird etwa teilweise Kap Tyrol.

Nach der schrittweisen sowjetischen Annexion des Archipels ab 1929 erfolgte die Russifizierung der Namen. Im Gegensatz zu den Norwegern, die ab 1925 Spitzbergen entgegen dem ihrer Souveränität zugrunde liegenden Spitsbergen Vertrag und sogar entgegen ihrem eigenen Gebrauch des Namens Spitsbergen eigenmächtig in "Svalbard" umtauften, um damit auf wissenschaftlich nicht haltbarer Basis einen angeblichen Anspruch schon seit der Wikingerzeit zu unterstreichen, verzichtete die Sowjetunion zumindest in Franz-Joseph-Land weitestgehend auf derartige Geschichtsverbiegungen, die ansonsten in totalitären Ländern gängig sind. Die etablierten westlichen Namen wurden beibehalten, allerdings russifiziert: zum einen lassen sich nicht alle westlichen Buchstaben und Laute deckungsgleich durch russische Buchstaben ersetzen - so fehlt im Russischen etwa ein Äquivalent zum H. Zum anderen wurden natürlich entsprechende grammatikalische Veränderungen vorgenommen, die der russischen Sprache entsprechen. So weit eine durchaus nachvollziehbare Anpassung, damit Russen ihre eigenen Landkarten auch auf Russisch lesen können.
Zweifelhaft wird die Angelegenheit erst in jüngster Zeit, seitdem auch im Westen alle möglichen neuen Karten des Archipels auftauchen. Auf diesen sind - in der Regel vermutlich in Unkenntnis der Geschichte - die Namen dann von den russischen Karten einfach wieder in westliche Buchstaben übersetzt - und man fühlt sich an das Spiel "Stille Post" erinnert: die Resultate dieser Zweifachübersetzung haben oft nur noch bemerkenswert wenig mit dem historischen Ausgangsnamen zu tun, selbst wenn die Rückübersetzung wieder in dieselbe Sprache erfolgte.
Beispiel: Die Hayes Insel, von Payer 1874 nach dem amerikanischen Polarforscher Isaac Israel Hayes benannt, mußte auf russisch annäherungsweise so gut wie lautmäßig möglich mit Острор Хеѝса übersetzt bzw. transskribiert werden. Daraus wird dann bei ahnungslosen Rückübertragungen Heiss Island, Ostrov Kheysa oder Kheysa Island in Englisch, bzw. Heiss Insel, Ostrow Chejsa oder Chejsa Insel auf Deutsch. Ob Payer wohl verstehen würde, von welcher Insel da die Rede ist ? Hooker wird auf dem Umweg über Russisch in der Rückübersetzung zu Gukera, Hoffmann zu Gofmana, Hall zu Gallja, usw..
Da mit der russischen Transskription keine Umbenennung der Orte, sondern lediglich eine bestmögliche Übertragung in die nächstähnlichen russischen Laute beabsichtigt war, spricht eigentlich nichts dagegen, auf westlichen Karten in lateinischer Schrift die ursprünglichen Namen zu verwenden, statt eine zweite Lautverschiebung hinzuzufügen, in der dann niemand mehr den Ursprungsnamen erkennt.

Überpatriotische Namensverwirrungen: In zahlreichen Publikationen finden sich historisch falsche Erklärungen geographischer Namen in Franz-Joseph-Land. Insbesondere finden sich etliche Beispiele, wo Inselnamen auf österreichische historische Persönlichkeiten zurückgeführt werden, obwohl die fraglichen Inseln von der einzigen österreichischen Expedition in Franz-Josef-Land in der Pionierzeit (TEGETTHOFF, 1872-74) gar nicht gesichtet oder zumindest nicht als eigenständige Inseln erkannt wurden. Dies gilt etwa für Alexandra Land, George Land und die kleine Elizabeth Insel westlich der Salisbury Insel, die ihre Namen sämtlich von den britischen Expeditionen unter Leitung von Leigh Smith (1880 und 1881/82) bzw. Jackson (1894-97) nach britischen Namenspaten erhielten und deren Namen auf der Karte der TEGETTHOFF Expedition gar nicht vorkommen. Dennoch hat offenbar irgendein übereifriger Österreichfreund irgendwann irgendwelche historischen österreichischen Persönlichkeiten gleichen oder ähnlichen Namens herausgesucht und behauptet, daß sich die Inselnamen auf diese Österreicher beziehen. So wurde aus Jacksons Mutter, nach der Jackson die kleine Mary Elizabeth Insel benannte, dann plötzlich eine zufällig ähnlich heißende Erzherzogin Maria Elisabeth von Österreich zur angeblichen Namensinspiration für die Insel. Teils sogar wortgleich werden diese Geschichtsfälschungen dann ungeprüft von Publikation zu Publikation (insbesondere auf vielen Webseiten) abgeschrieben, obwohl oft schon ein Blick auf die verschiedenen Expeditionskarten genügen würde, um diese Falschinformationen zu erkennen. In geringerem Maße werden solche falschen Bezüge auch von geographischen Namen zu Namenspaten anderer Nationalitäten hergestellt.

 

Schreibweisen auf dieser Webseite:
Auf dieser Webseite werden die geographischen Namen, soweit nicht russisch, in der originalen Schreibweise verwendet, lediglich die ursprünglichen Adelsprädikate (Kronprinz Rudolf Insel, etc.) werden in der Regel weggelassen. Soweit sogar die Namengeber hinsichtlich der Schreibweise inkonsequent waren, finden sich auch auf dieser Webseite verschiedene Varianten. Das gilt insbesondere für die Inselgruppe selbst: Selbst in Payers Buch über die Entdeckungsexpedition findet sich: Franz-Joseph-Land, Franz-Josef-Land, Franz-Josefs-Land und Franz-Josephs-Land, das ganze dann noch mit "Kaiser" ergänzt. Kein Wunder, daß auch Google verschiedenste Schreibweisen liefert, wobei in deutschen Publikationen "Franz-Joseph-Land" am häufigsten auftaucht, in englischen hingegen "Franz-Josef-Land".


Letzte Änderung: 05.04.2011