Victoria Insel - Franz-Joseph-Land

Victoria Insel (genauerer Maßstab als bei den anderen Inseln). Rot: Seit 50 Jahren verloren gegangene Fläche durch Eisabbruch.

 

Öffnet einen internen Link im aktuellen Fenster Übersicht über den Archipel

Allgemeines, Landschaft: Die Victoria Insel, nur ca. 10 km² groß (maximaler Durchmesser ca. 5 km), ist der westlichste und einsamste Außenposten von Franz-Joseph-Land: bis Alexandra Land sind es ca. 170 km nach Osten. Viel näher, nur ca. 60 km entfernt, liegt dagegen Kvitøya (Weiße Insel), der östlichste Teil des Spitzbergen Archipels, bei klarem Wetter gut erkennbar. Auch vom Unterwasserrelief her gehört Victoria eher zu Spitzbergen, als zu Franz-Joseph-Land. Auch im Sommer ist die Insel, knapp über dem 80. Breitengrad gelegen, aufgrund ihrer freien Lage oft von durch Wind und Strömungen bewegten polaren Treibeisfeldern umgeben.
Victoria ist fast komplett von einer Eiskappe bedeckt, die in der Mitte bis zu 100 m über das Meer aufragt und nach Süden hin in einer mächtigen Abbruchfront endet, die unter Wasser auf dem Meeresboden aufliegt, sodaß das Salzwasser auf der Südseite mit fortschreitender Meereserwärmung die Abbruchfront unter Wasser annagt und zum Abbrechen bringt: insbesondere auf der Südseite hat Victoria daher in den letzten Jahrzehnten durch Zurückweichen des Eises bis über 500 m an Breite verloren (rot markierte Bereiche in der Karte) - ein Prozeß, der erst enden wird, wenn das Eis sich bis über die Wasserlinie zurückgezogen hat.

Victoria von Süden.
Die Ostspitze (rechts) von Süden,
... und der Abbruch der Eiskuppel auf der Südseite.
Nach Westen läuft die Eiskappe in eine eisfreie Landspitze aus.
Nochmals das flache Westende der Victoria Insel.
Walrosse, dahinter die beginnende Eisfront östlich der Station.
Walrossbullen am Strand.
Wo Walrosse häufiger an Land gehen, sind Eisbären meist nicht weit.

Im Nordwesten ist die Lage anders: Hier ragt schon lange das flache Kap Knipowitsch unter dem Eis nach Norden hervor und an der übrigen gesamten Nordküste verläuft die Kante der Eiskappe auf oder über der Wasserlinie, sodaß hier das Meerwasser keinen Angriffspunkt mehr findet. Hier steigt die Eiskappe vom Ufer her nur gemächlich Richtung Inselmitte an. Von Kap Knipowitsch bis zur ebenfalls mittlerweile eisfreien flachen westlichsten Landspitze weicht das Eis schrittweise zurück dabei einen flachen Strand freigebend, der bei fortschreitendem Eisrückzug wohl bald auch bis zum östlichsten Punkt sichtbar werden wird. Auch über dem Inselinneren verliert die Eiskappe in den letzten Jahrzehnten an Stärke.

Pflanzen- und Tierwelt:
Aufgrund der starken Vergletscherung beschränkt sich die Pflanzen- und Tierwelt weitgehend auf die schmalen eisfreien Uferbereiche im Nordwesten.
Die Vegetation ist hier minimal - im wesentlichen vereinzelte Pionier-Gefäßpflanzen, sowie Moose, Flechten, Algen.
Angesichts minimaler eisfreier Landflächen und weitgehend fehlender Vegetation ist die Zahl der Wirbeltierarten and Land erstens sehr begrenzt und zweitens stark ans umgebende Meer gebunden. Am auffälligsten sind wohl die Walrosse, die häufig in größeren Zahlen am Strand vor allem östlich der Station ruhen - und damit ebenso häufig für die Anwesenheit einzelner Eisbären sorgen, die auf ein unbewachtes Walrossjunges als Beute hoffen. Die Eisbären ruhen sich nicht selten auch in der verlassenen Station aus - Landungen erfordern hier daher große Vorsicht und sorgfältige Erkundung und müssen eventuell wegen anwesender Eisbären abgeblasen werden. Zur sommerlichen Vogelwelt gehören neben Dreizehenmöwen unter anderem in der Regel auch etliche Elfenbeinmöwen.

 

 



Blick von Eiskappe auf Station
Ostteil der Station
Norden der Station
Teil der Stationsgebäude
Station von Ostsüdost
Bibliothek mit Treibschnee
Verfallende Toilette
Verfallende Gebäude voll Schnee
Halbwegs intaktes Gebäude
Dreizehenmöwen nutzen die Station

Geschichte: Angesichts der Nähe zu Kvitøya ist es gut möglich, daß Victoria schon von den alten Walfängern des frühen 17. Jahrhunderts gesichtet wurde, die in Spitzbergens Gewässern operierten. Die damals bereits begonnene Kleine Eiszeit verhinderte dann jedoch mit starkem Zuwachs des Eises auf Meer und Land für 200 Jahre derartige Fahrten nach Nordosten. Die nächsten Sichtungen oder gar Landungen könnten durch norwegische Fangboote ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgt sein, die immerhin spätestens ab 1865 auch die entlegensten Punkte Spitzbergens ansteuerten und ihr Wissen aus Konkurrenzgründen häufig für sich behielten. Die vermutlich ersten berichteten Sichtungen stammen aus dem Sommer 1898: durch die Norweger Johannes Nilsen and Ludvig Bernard Sebulonsen, und durch Kapitän Nilsen der Lustyacht VICTORIA des englischen Exzentrikers und Arktisfreundes Arnold Pike. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Insel mehrfach vor allem von norwegischen Jagdbooten besucht.
1926 erhob die Sowjetunion formal Anspruch auf alle Inseln und Gewässer nördlich ihrer Nordküste, einschließlich Victoria.
Bekannt sind Landungen 1925 durch die British Arctic Expedition mit der ISLAND und 1928 durch die HOBBY und den russischen Eisbrecher SEDOW. Ein norwegischer Annexionsversuch 1929 scheiterte, weil das damit beauftragte Schiff die Insel aufgrund der Eisverhältnisse nicht erreichen konnte. 1930 erfolgte von der BRATVAAG eine private norwegische Annexion mit inoffizieller Regierungsunterstützung, wobei auf Kap Knipowitsch ein Steinmann mit schriftlicher Dokumentation errichtet, und Baumaterial für eine Hütte abgeladen wurde. 
1932 annektierte für die Sowjetunion die KNIPOWITSCH Expedition (Leitung: Professor Zubow) die Insel auch vor Ort durch Hissen der Flagge auf Kap Knipowitsch - deutlich später, als den eigentlichen Franz-Josef-Land Archipel. Trotz der damals verhängten, jedoch schwer kontrollierbaren Sperre der Inselgruppe für ausländische Fahrzeuge dürfte die Insel bis zum 2. Weltkrieg mehrere heimliche Besuche durch Fangboote gehabt haben. Berichte über solche Besuche gibt es sogar nach dem 2. Weltkrieg.
Während des Kalten Krieges wurde auf Victoria eine militärische Wetter- und Funkstation auf Kap Knipowitsch eingerichtet, mit einem dazugehörigen Funkturm auf dem höchsten Punkt der Eiskappe. Die Station wurde 1994 aufgegeben und seitdem ist die Insel weitestgehend wieder den Walrossen, Eisbären und Vögeln überlassen.

 

 

Touristisches: Victoria dürfte zu den exotischsten Zielen in der Europäischen Arktis zählen: eine kleine Insel mit von Süden her imposanter Eiskappe, weit im Nirgendwo und oft von Treibeis umgeben, mit guten Chancen für die Sichtung von Walrossen und Eisbären sowie Elfenbeinmöwen. Die aufgegebene Station ist ein Erlebnis für sich: eingeklemmt zwischen Ufer und sanft ansteigender Gletscherkuppe, belagert von Walrossen und durchstreift von Eisbären und Vögeln. Seit dem Ende des Kalten Krieges sind hier vermutlich Touristen von kaum mehr als 5 Schiffen an Land gewesen, da die Insel zum einen zeitaufwändig vom restlichen Franz-Josef-Land entfernt und oft auch in Treibeis eingeschlossen ist. Am besten sind die Chancen daher in der Regel im August und frühen September. Eisbären an Land können allerdings eine Landung aus Sicherheits- und Naturschutzbedenken verhindern.

Victoria, abends aus der Ferne von Süden
Victoria aus Nordosten - rechts die Station, auf der Eiskappe als Punkt der Funkturm

Letzte Änderung: 18.02.2013