Greely Insel (Ostrow Grili) - Franz-Joseph-Land

Greely Insel und Nachbarinseln
Spannender Fund vom 28. August 2012: Kane Lodge - die Position entspricht den vagen Angaben in den Dokumenten der Baldwin-Ziegler Expedition. Wenn dies jedoch tatsächlich die Reste von Kane Lodge sind, ist offensichtlich Vieles bereits der Küstenerosion zum Opfer gefallen.
Neben den 8-9 Schlitten und der passenden Position deutet vor allem dieses Fertigelement darauf hin, daß es sich um Kane Lodge handeln dürfte: aus ähnlichen Elementen setzte die Baldwin-Ziegler Expedition auch die Hütten ihrer Hauptbasis auf der Alger Insel zusammen, die ebenfalls von Erosion bedroht ist.
Vielleicht der spannendste Fund: 1-2 mit Segeltuch bespannte leichte Expeditionsboote - alles jedoch unmittelbar von der voranschreitenden Küstenerosion bedroht.

 

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Allgemeines, Landschaft:

Die Greely Insel ist, wie ihre Nachbarn, aus einem Plateau entstanden, aus dem durch Erosion ihre einzelnen Höhen herauswitterten. Der größte Teil der ca. 125 km² großen Insel ist unter Eis verborgen, an der Küste wechseln sich Gletscherfronten mit Steilwänden ab. Nur wenige Uferzonen und einige Gipfelbereiche sind eisfrei. Der höchste Punkte ist der Scheitel einer Eiskappe in der südlichen Mitte der Insel, 474m über dem Meer.


Geschichte:

Der Osten der Insel wurde bereits während des Vorstoßes der TEGETTHOFF Expedition nach Norden unter Leitung Payers im Frühjahr 1874 gesichtet und auf der Expeditionskarte eingetragen, dabei jedoch für einen Teil einer großen Landmasse ("Zichy Land") gehalten. Ihren Inselcharakter stellte daher erst die Baldwin-Ziegler Expedition (1901/02) fest.

Kane Lodge: Die Baldwin-Ziegler Expedition richtete im Spätwinter 1901/02 im Südwesten der Greely Insel ihr bedeutendstes Depot für den für das Frühjahr 1902 geplanten Vorstoß zum Nordpol ein, wobei Expeditionsleiter Baldwin hier sogar eine der mitgebrachten achteckigen Hütten aus Fertigteilen aufstellen ließ (nachdem diese zunächst im Westen der Alger Insel errichtet worden war). Über die Nutzung dieser Hütte als Vorratslager für seine Expedition hinaus schwebte Baldwin vor, daß diese Hütte seiner amerikanischen Freimaurer-Loge in Zukunft weitere Dienste leisten könnte, weshalb er diesen Stützpunkt seiner Expedition "Kane Lodge" (Lodge = Loge, nach seiner Kane Loge in New York, die mit ihrem Namen wiederum an den Polarforscher Elisha Kane erinnerte) nannte. Die dort eingelagerten Vorräte wurden primär von der nachfolgenden Fiala-Ziegler-Expedition (1903-05) genutzt, anschließend geriet dieser historische Platz offenbar in Vergessenheit.
Andreas Umbreit hatte schon 2011 auf der von ihm geleiteten Fahrt der SHOKALSKIY versucht, vor Ort zu prüfen, was davon noch übrig ist, dies scheiterte jedoch an dichtem Nebel. Eine erneute Gelegenheit bot sich ihm hierfür auf der 2. Fahrt der ORTELIUS im Sommer 2012 - hierbei konnte auf einem sehr schmalen Strandsaum ein von Meereserosion akut bedrohtes altes Depot entdeckt werden, dessen Gegenstände und Position sehr gut zu Kane Lodge passen könnten. Ergebnis der Erkundung in sehr begrenzter Zeit: neben mindestens 8 Schlitten, vermutlich zwei Segeltuch-Booten und ca. 25 leeren Holzkisten deutet insbesondere ein einziges dort liegendes Fertighaussegment, das nach erstem Augenschein denjenigen von Camp Ziegler auf der Opens internal link in current windowAlger Insel sehr ähnelt, darauf hin, daß diese Gegenstände Reste der ehemaligen Kane Lodge sein könnten. Der Platz ist in seinem heutigen Zustand jedoch für die Anlage eines so großen Depots einschließlich Hütte völlig ungeeignet - eine Erklärung hierfür könnte sein, daß in den 110 Jahren seit Anlage von Kane Lodge erhebliche Küstenerosion stattgefunden hat, der der größte Teil von Kane Lodge bereits zum Opfer fiel (ähnliches droht in naher Zukunft auch Camp Ziegler). Ein Foto von Kane Lodge von 1902, das ein deutlich breiteres Flachland vor dem Steilhang zeigt, unterstützt diese Vermutung.
Bei einem Belassen der historischen Gegenstände auf diesem schmalen Uferstreifen ist mit deren Zerstörung durch Brandung, Eispressungen oder Steinschlag in wenigen Jahren zu rechnen. Die über die Wiederentdeckung informierte Nationalparkverwaltung unternahm noch im September 2012 eine eilige Dokumentation und anschließend Schritte zur Bewahrung der gefährdeten Gegenstände.
Touristisches: Der sehr schmale Strandsaum bei Kane Lodge mit steilem angrenzendem Schutthang eignet sich wegen Platzmangels schlecht für Besuche mit größeren Gruppen.
Ausführlicher Bericht in Englisch zum vermutlichen Fund von Kane Lodge:
Initiates file download Report von Andreas Umbreit an die Nationalparkverwaltung (zahlreiche Bilder, 10 MB - evtl. längere Ladezeit).

Name: Benannt nach dem amerikanischen Polarforscher Adolphus Greely durch die Baldwin-Ziegler Expedition, auf die auch die Namen: Kap Baldwin (Leiter der Baldwin-Ziegler Expedition 1901/02 - heute Kap Gorodkowa), Kap Bertrand und Kap Demorest (Schwager von William Ziegler - heute Kap Anutschina) zurückgehen.


Biologie:

Mangels nennenswerter größerer eisfreier Flachbereiche besteht die Vegetation vor allem aus Moosen und Flechten auf kleinen eisfreien Gipfelbereichen, Steilhängen und steinigen Uferstreifen, örtlich begrenzt auch üppigerer Pflanzenwuchs unter Vogelfelsen. Die Vogelwelt der Greely Insel ist bisher kaum untersucht. Bekannt sind mehrere kleinere Kolonien von Alle alle, Rissa tridactyla und Cepphus grylle.
Interessanterweise sprechen die Dokumente der Ziegler-Expeditionen von reichen Walross-Beständen in der Umgebung von Kane Lodge, während zumindest bei den Fahrten der ORELIUS 2012 hier kaum Walrosse zu sehen waren. Allerdings fehlen in der Umgebung heute auch geeignete flache Strände als Ruheplätze für Walrosse - möglicherweise hat hier die Landerosion nicht nur große Teile des ehemaligen Flachlandes von Kane Lodge beseitigt, sondern damit auch einen früheren Walross-Ruheplatz.

 

Vorn südöstliche Greely Insel, hinten Wiener-Neustadt-Insel.
Südwesten der Greely Insel
Kap Anutschina (ehemals Kap Demorest) im Norden.
Kap Gorodkova (ehemals Kap Baldwin) im Nordwesten.
Südostküste der Greely Insel.

Bilder Greely Insel
(Anklicken für größere Version)


Letzte Änderung: 18.02.2013