Alger (Aldzher) Insel, Camp Ziegler - Franz-Joseph-Land

Karte Alger Insel
Alger Insel von SW - rechts das Richthofen Massiv (oberster Bereich teils umwölkt), davor dunkel die kleine Mathilda Insel. Der rechteste Gipfel ist mit 427m der höchste. Rechts bis zum Bildrand die breite flache Küstenebene des Südostens der Insel.
Mathilda Insel von Südosten.

 

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Allgemeines, Landschaft:

Die Alger Insel, ca. 45 km² groß, liegt im Zentrum des Franz-Josef-Land Archipels und durchmißt in Ost-West-Richtung knapp 10 km. Vom vergletscherten Massiv des 404 m hohen, tafelartigen Richthofen Berges bzw. dessen nach Osten ziehenden, bis 429m hohen Nachbargipfeln, erreichen zwei Gletscher auf der Nordseite der Insel das Meer. Insbesondere
im Südosten der Insel erstreckt sich vor den Bergen ein sanft ansteigendes, sandig-lehmiges Vorland aus durch die Landhebung trockengefallenen Meeressedimenten mit teils über 3 km Breite und nur minimaler Vegetation, auf dem sich auch Camp Ziegler in der Nähe des Kap Pologij befindet. Eis und Seegang nagen deutlich gerade an den flacheren Uferteilen der Insel.

Der Westecke der Alger Insel ist 2 km nach Süden hin die knapp 1 km durchmessende, überwiegend steil aus dem Meer auf ca. 80 m Höhe aufsteigende Mathilda Insel vorgelagert.

 

 

 

 

 

Panoramabilder: Anklicken für vergrößerte Darstellung.

Alger Insel von Champ (Norden) (anklicken)
Alger Insel von Kap Triest (Champ) (anklicken)
Alger Insel Südküste von Osten (anklicken)
Alger Insel Ostteil von Südosten (anklicken)

Geologie:

Wie vielerorts in Franz-Joseph-Land, besteht die Insel aus mesozoischen Sedimenten, zwischen die sich mehrfach magmatische Intrusionen gedrängt haben, deren härtere Schichten der Verwitterung stärker trotzen und damit markante Steilwände und Tafelberge schaffen, auf der Alger Insel insbesondere im oberen Bereich des Richthofen Berges.

 

 

Vorbereitung Wetterballon in Camp Ziegler
Start Wetterballon in Camp Ziegler
Camp Ziegler und Expeditionsschiff AMERICA
Freischneiden der AMERICA aus dem Eis am Camp

Geschichte und Namen:

Siehe auch:
Opens internal link in current windowGeschichte - Zusammenfassung
Opens internal link in current windowChronik - detailliertere Geschichte Jahr für Jahr

Die Alger Insel wurde erst 1901 durch die ankommende Baldwin-Ziegler Expedition als eigenständige Insel entdeckt und spielte in der Pionierzeit vor allem in Zusammenhang mit den beiden Ziegler-Expeditionen eine Rolle: Die Baldwin-Ziegler Expedition (1901/02) hatte hier ihre Hauptbasis Camp Ziegler an Land in der Nähe von Kap Pologij, mit dem eingefrorenen Expeditionsschiff AMERICA vor der Küste (verbunden durch eine Telefonlinie). Eigentlich sollte diese Basis möglichst weit im Norden des Archipels errichtet werden, was jedoch die Eisverhältnisse verhinderten, sodaß die Wahl kurzfristig auf die neu entdeckte Alger Insel fiel. An Land wurde eine Station aus zwei vorgefertigten vieleckigen Hütten mit Verbindungsbau errichtet, außerdem umfangreiche Hundezwinger für 420 Schlittenhunde und Stallungen für 15 Ponies, Wetterstation, Anlagen zum Befüllen und Starten von Wetterballons. Mit etwas Abstand zur eigentlichen Station wurden ein astronomisches und ein magnetometrisches Observatorium errichtet.
Die Fiala-Ziegler Expedition (1903-05) nutzte die Anlagen 1904-05 ebenfalls für durch einen Teil ihrer Mitglieder, wobei erneut ein astronomisches und ein magnetisches Observatorium aufgebaut wurden.

Baldwin ließ 1901 zunachst eine zusätzliche Nebenstation am Westende der Alger Insel mit einem der mitgebrachten achteckigen Fertighäuser errichten,  ordnete jedoch schon Anfang 1902 die Verlagerung dieser Hütte zu seinem Hauptdepot "Kane Lodge" auf der Opens internal link in current windowGreely Insel für den geplanten Vorstoß zum Nordpol an. Einige Vorräte der Nebenstation auf der Alger Insel wurden auch noch von der Fiala-Ziegler Expedition verwendet, sodaß sich dort heute außer einem Bootswrack kaum noch etwas an Hinterlassenschaften findet.

Da die Alger Insel abseits der hauptsächlichen russischen Aktivitäten während der Sowjetzeit lag und die Inselgruppe bis 1991 für Touristen kaum zugänglich war, hat sich in Camp Ziegler eine überraschende Vielzahl von Relikten mehr als 100 Jahre erhalten und man kann dadurch ahnen, wieviel an ähnlichen Geschichtszeugnissen an zugänglicheren Plätzen wie etwa in Westspitzbergen insbesondere durch rücksichtslos herumtrampelnde oder gar Souvenirs sammelnde Touristen verloren gegangen ist. Camp Ziegler ist als historischer Platz einerseits interessant - gleichzeitig aber auch eine Herausforderung, Schäden durch Besucher minimal zu halten.

Eine zusätzliche Bedrohung von Camp Ziegler ist die rasch voranschreitende Erosion des sandigen Ufers: Expeditionsleiter Andreas Umbreit auf der AKADEMIK SHOKALSKIY war im Sommer 2011 beim Anblick der nahe an den zentralen Stationsbereich herangekommenen Uferlinie betroffen. Vergleiche mit seinen Bildern von 2004 und 2008 deuten auf einen Küstenverlust von ca. 10 m im Laufe von nur 7 Jahren hin. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, könnte das Zentrum der einmaligen Anlage in wenigen Jahrzehnten vom Meer zerstört sein und schon jetzt ist sichtbar, wie zahlreiche Objekte mit der bröckelnden Uferlinie verschwinden. Eine baldige wissenschaftliche Dokumentation der Anlage wäre daher dringend wünschenswert.

Name: Die Alger Insel wurde 1901 von Baldwin nach dem amerikanischen Schriftsteller Horatio Alger (1832-1899, vor allem Massen von Jungen-Groschenromanen, aber u.a. auch das Gedicht "John Maynard").


Bilder von Camp Ziegler - Anklicken für größere Version:


Luftbild Zentraler Bereich Camp Ziegler
Zentraler Bereich von Norden
Zentralbereich Camp Ziegler von SW
Inneres der Haupthütten Camp Ziegler
Das Meer nagt am Ufer vor Camp Ziegler
Zerborstenes Faß Eisenspäne für Gasapparat
Observatorium nordwestlich Camp Ziegler
Weitere Relikte im Außenbereich von Camp Ziegler - im Vordergrund: zerbrechliche kleine Metallobjekte.

Touristisches:

Siehe auch: Opens internal link in current windowReisemöglichkeiten

Aufgrund der Lage im Inneren des Archipels kann der Zugang zur Alger Insel durch Eis behindert sein, das sich zwischen den Inseln in einigen Jahren länger hält - sei es noch geschlossenes Wintereis, oder Treibeisfelder, die eine Annäherung oder eine Landung behindern.

Camp Ziegler ist ein beliebter Landgangsplatz der wenigen Franz-Josef-Land Reisen. Da die Alger Insel während der Sowjetzeit kaum besucht wurde, ist von dieser großen Anlage noch überraschend viel erhalten. Neben dem zentralen Bereich des eigentlichen Camps finden sich in einem gro0en Umkreis Reste von Außenanlagen, etwa von den Observatorien der Station.

Konfliktfall Denkmalschutz: Schon jetzt ist erkennbar, daß viele empfindliche Kleinteile der Station unter den Schuhen der Besucher rascher zerfallen, als durch 100 Jahre natürlichen Verfalls. Aufgrund der enormen Ausdehnung der Reste der Anlage und der oft schlechten Erkennbarkeit kleiner Relikte auf dem Boden einerseits, und dem verständlichen Wunsch der Besucher, die deutlicheren Reste der Anlage zu erleben, wofür man bei dieser Ausdehnung zwischen die Reste gehen muß, ist dieses Problem bei Camp Ziegler besonders groß. Wir bewegen uns hier im Grunde in einem archäologischen Fundort, mit allen empfindlichen Objekten so ungeschützt an der Oberfläche, wie bei einer Ausgrabung, wo sich die Archäologen entsprechend vorsichtig und planvoll bewegen und unkundige Besucher normalerweise gar nicht hereingelassen werden.
Um dieses Denkmal der Polargeschichte möglichst lang zu bewahren, ist seitens der Reiseveranstalter daher gute Vorausinformation der Teilnehmer wichtig. Darüber hinaus sollten rechtzeitig ausreichend Mitarbeiter mit Einweisung vor Ort sein, die die Besucher als geschlossene Gruppe möglichst um die empfindlichsten Bereiche herum lotsen, zusätzlich sollten unproblematische Trassen durch das Gelände provisorisch markiert werden. Eine hier bewährte Vorgehensweise ist die Besichtigung als eng geschlossene Gruppe, die einem Guide auf einer hinsichtlich Schadensminimierung sorgfältig gewählten Route durch das Stationsgebiet folgt. Praktischer Vorteil für die Teilnehmer: wenn alle dicht zusammen bleiben, kann jeder Fotos von den Details machen, ohne daß andere im Bild stehen. Das Innere der einzelnen Anlagen sollte gar nicht betreten werden, da dort ein Treten auf (evtl. auch verborgene) Objekte praktisch unvermeidlich ist.
Letztendlich liegt es jedoch auch am Besucher selbst, durch kontinuierliche Aufmerksamkeit Schäden zu vermeiden. Wer mit der Kamera vor Augen auf der Suche nach einem guten Bildausschnitt blind ein paar Schritte vorwärts oder gar rückwärts macht, hat gute Chancen, seinen Beitrag zur Zerstörung dieser Erinnerung an die Pionierzeit zu leisten.

Die nachfolgende Bilderserie soll auch für diese Problematik mit Beispielen sensibilisieren.

 

Manche Relikte - wie Schlittenhundeschädel - sind leicht erkennbar,
oder relativ unempfindlich, wie diese halb im Boden steckende Eßgabel.
Besucher inmitten unscheinbarer Kleinobjekte auf dem Boden.
Drei Fußabdrücke - orange sind die Rostkrümel der dabei zertretenen rostigen Kleinobjekte.
Verwitterte unscheinbar-graue Textilspuren, vermutlich einer Plane - weiter zerstört durch einen darauf kurz abgestellten Rucksack.
Brüchiges Relikt aus Stoff und rostigem Eisen - noch nicht zertreten.

Empfindliche Spuren der Vergangenheit

 

Die Bilderserie versucht, den Blick für die unscheinbaren, gefährdeten Spuren der Pioniere zu öffnen und damit vorsichtiges Verhalten zu erleichtern.

Eine genauere Dokumentation der Anlagenreste durch Historiker ist bisher noch nicht erfolgt - was heute an Spuren zerstört wird, steht daher auch der Forschung nicht mehr zur Verfügung, die oft auch aus unscheinbaren Resten noch interessante Schlüsse ziehen kann.

Wer sich solchen empfindlichen historischen Spuren nähert, trägt auch eine Verantwortung für die Folgen seines Besuches - das Buchen einer teuren Reise ist keine Entschuldigung für Rücksichtslosigkeit.

 

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Kostenlos in größerem Format:

Um das Bewußtsein für die Empfindlichkeit dieser historischen Relikte zu fördern, können Interessenten diese Bilderserie bei mir in einem größeren Format (1280x853 pixel) kostenlos anfordern, das sich für Beamer-Präsentationen eignet - bitte mit Verwendungsangabe und e-mail Adresse für die Zusendung. Die Bilder sind mit Herkunftsangabe gekennzeichnet, die nicht entfernt werden darf.


Letzte Änderung: 17.03.2013